PowerPoint-Rhetorik

Wie die Rhetorik einer PowerPoint-Präsentation auf die Sprünge helfen kann

Für den Entwurf und die Gestaltung von PowerPoint-Präsentationen gibt es eigent­lich keine etablierte Vorgehensweise. Man kann jedoch auf die Prinzipien der Rhetorik zurückgreifen, die beschreiben wie eine überzeugende Rede aufzubauen und zu halten ist und daraus ein Vorgehensmodell für PowerPoint-Präsentationen ableiten.

Sind sie schon einmal während einer PowerPoint-Präsentation eingeschlafen?

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass mir das einmal passiert ist – in einem hörsaalähnlichen Vortragsraum, in dem man den Kopf so schön anlehnen konnte und die Beleuchtung abgedimmt war. Aber es lag nicht nur am Ambiente, auch die Präsentation war danach. Das führt anders herum zu der Frage, wie kann ich als Vortragender einer Präsentation vermeiden, dass mein Publikum sich langweilt und einschläft? Nun, es gibt bewährte Techniken, wie man Menschen fesseln kann. Sagen Ihnen Sätze wie „Ich bin ein Berliner“, „I have a dream“, oder „Yes, we can“ etwas? Es handelt sich um die berühmten Reden von John F. Kennedy, Martin Luther King und Barack Obama, die nach dem Muster der Überzeugungsrede der klassischen Rhetorik gestrickt sind [1]. Wir könnten doch einmal versuchen diese Prinzipien auch auf eine PowerPoint-Präsentation anzuwenden.

PowerPoint-Rhetorik

Die drei Säulen der Rhetorik sind Glaubwürdigkeit des Redners (altgr. ethos), logische und einleuchtende Argumente (altgr. logos) und Appellieren an die Gefühle der Zuhörer (altgr. pathos). Diese Elemente müssen auch in einer überzeugenden PowerPoint-Präsentation enthalten sein. Darüber hinaus lassen sich auch die Herstellungsphasen für eine überzeugende Rede auf PowerPoint-Präsentationen anwenden. Das Ganze ergibt dann eine Art „PowerPoint-Rhetorik“.

Betrachten wir einmal die Situation als Vortragender. Ich stehe da mit Notebook und Beamer und mir gegenüber sitzt das Publikum. Die Frage ist, was will ich eigentlich und was erwarten „die“ von mir? Und wenn ich weiß, was ich will, wie bringe ich das 'rüber?

Die Situation

Papier und Bleistift

Das ist das Thema der ersten Phase in der Rhetorik (altgr. inventio): Dazu lehnt man sich am besten zurück und lässt die Gedanken fließen und Ideen sich entwickeln und hält sie fest – aber bitte nicht nach „neuer Väter Sitte“ am PC. Das Sitzen an der Tastatur und das Starren auf den Bildschirm würgt die Kreativität ab. Wir halten unsere umherschwirrenden Ideen und Assoziationen zum Präsentationsthema am besten mit Papier und Bleistift fest, formlos oder als Mind-Map oder auch als Skizzen z.B. mit Strichmännchen.

Ideen festhalten

Der Fünfsatz

Das so gefundene Material müssen wir strukturieren und gliedern. In der klassischen Rhetorik heißt diese Phase dispositio. Hellmut Geißner hat für diesen Zweck die rhetorischen Grundlagen um den „Fünfsatz“ erweitert, den es in sieben Varianten gibt. Eine Rede besteht aus Einleitung, Hauptteil und Schluss. In der Einleitung versucht der Redner einen positiven Kontakt zu seinem Publikum herzustellen und Interesse für sein Thema zu wecken. Im Hauptteil wird versucht, mit Argumenten, Beispielen und Ideen zu überzeugen. Der Schluss besteht aus einem Appell an das Publikum, aktiv zu werden. Dieses Schema gilt im Prinzip auch für Präsentationen. Näheres dazu finden Sie in [2].

Gliederung nach dem Fünfsatz

Beamer contra Redner

Bei einer PowerPoint-Präsentation gibt es allerdings ein Problem. Betrachten wir einmal die Phase der Einleitung. Da ist der Vortragende, der etwas erzählt und mit einem Zeigegerät hantiert und da ist die Folie auf der Leinwand. Wo schaut das Publikum hin? Immer nur auf die Leinwand, selbst wenn da nur Text „gebeamt“ wird. Das kann jeder Vortragende selbst einmal ausprobieren: Schalten Sie mal während Ihrer Präsentation die Folie mit Taste [B] auf Schwarz – und schon sind alle Augen auf Sie gerichtet.

Aber warum soll das Publikum sich auf den Vortragenden konzentrieren? Nun, zu Beginn der Präsentation, soll ein positiver Kontakt zum Publikum hergestellt werden und das Interesse für das Thema geweckt werden. Das geht aber nicht, wenn das Publikum auf die Folie schaut. Es muss den Vortragenden wahrnehmen, ihn akzeptieren und ihm glauben. Ein moderner Präsentationsprofi hat es so formuliert [3]:

„Kommunikation dreht sich darum, andere Personen vom eigenen Standpunkt zu überzeugen, so dass sie verstehen, warum man von einer Idee so begeistert ist.“

Oder, wenn Sie es klassisch mögen, Augustinus hat es so gesagt:

„In Dir muss brennen, was Du in anderen entzünden willst.“

Um das zu erreichen, muss der Beamer abgeschaltet werden. Das Publikum muss sich dem Vortragenden zuwenden, seine Mimik und Gestik sehen und ihm zuhören. Wie wichtig diese Körpersprache ist hat Paul Watzlawik [4] kurz und bündig ausgedrückt:

„Man kann nicht nicht kommunizieren.“

Selbst wer stumm mit den Händen in den Hosentaschen herumsteht, sendet pausenlos Körpersprachensignale aus. Salopp gesprochen werden die Hälfte aller Informationen über den Vortragenden durch die Körpersprache vermittelt.

Die Körpersprache ist ein Thema der Phase 5, der Durchführung der Präsentation (altgr. actio).

Redner contra Beamer

Drehbuch und Szenen

Wenn es aber darum geht, Situationen, Probleme und Argumente zu verdeutlichen, brau­chen wir zusätzlich die visuelle Unterstützung durch Folien. Es gibt also verschiedene Abschnitte in einer Präsentation, solche mit Beamer und andere ohne Beamer. In den Beamer-Pausen überzeugt der Vortragende durch seine Persönlichkeit, indem er z. B. eine zum Thema passende Geschichte erzählt. Diese unterschiedlichen Abschnitte halten wir am besten in einem Drehbuch fest. Und da wir hier schon beim Film sind, gliedern wir unsere Präsentation zusätzlich in „Szenen“, die einen bestimmen Aspekt des Themas behandeln und aus mehreren Folien und Aktionen bestehen können.

Unser Drehbuch ist eine einfache Tabelle mit Spalten für Folienskizzen und für Kommentare zu den Folien oder eine Geschichtenerzählung. Ggf. können auch weitere Spalten hinzugefügt werden für Zeitbedarf, Beamer und Hinweisen zur Körpersprache. Wichtig ist es, beim Anlegen des Drehbuchs, noch keine kompletten Folien zu entwerfen sondern nur Ideen für Folien zu skizzieren.

Entwurf eines Drehbuchs

Ein Beispiel finden Sie im Buch   PowerPoint-Rhetorik

Folien-Rhetorik

Wenn wir das Drehbuch fertiggestellt haben, kommt die Phase der Ausarbeitung (altgr. elocutio). Bei einer PowerPoint-Präsentation ist das die Folienherstellung auf der Grundlage der im Drehbuch festgehaltenen Folienideen. Hierbei hilft uns die Rhetorik nicht. Aristoteles, Cicero und Konsorten hatten ja keinen Beamer. Dennoch gibt es so etwas wie Folien-Rhetorik: Wenn die Folien glaubwürdig wirken, logische und einleuchtende Argumente benutzt werden und an die Gefühle der Zuhörer appelliert wird.

Eine Folie emotional aufzuwerten ist leicht. Man nehme die gängigen Motive wie junge Frau mit Kind, attraktiven Mann oder attraktie Frau – je nach Zielgruppe – oder Tiere, besonders junge. Anregungen dafür bietet die Werbebranche en gros. Es geht aber noch einfacher. Wenn Sie z.B. ein nüchternes Diagramm mit Verkaufszahlen für Fahrräder haben, bringen Sie im Hintergrund einfach ein Fahrrad an, schon spricht die Folie auch das Gefühl an.

Fahradstatistik

Psychologisches

Für die Foliengestaltung können wir auf umfangreiche Untersuchungen zur Visualisierung zurückgreifen, wie sie die Wissenschaft, insbesondere die Psychologie zur Verfügung stellt. Viele dieser Erkenntnisse und Regeln, haben Eingang in die gängige Kochbuchliteratur für PowerPoint gefunden. Ich möchte hier nur einige dieser Empfehlungen nennen:

Viele weitere Hinweise und Begründungen zur Foliengestaltung finden sie in [2] und [5].

Eine Anmerkung kann ich mir allerdings nicht verkneifen. Es geht um Textfolien, also Folien, die nur Text enthalten. Dazu lade ich Sie zunächst zu einem Test ein, dem Stroop-Test:

Stroop-Test

Sagen Sie bitte die Farbe der Wörter auf der linken Seite laut vor, dann auf der rechten.

Auf der rechten Seite geht das nur stockend voran. Es kommt zur „Farb-Wort-Interferenz“, d. h. wir haben Schwierigkeiten, das Wort nicht zu lesen und statt dessen seine Farbe zu nennen.

Der Lesezwang

Es gibt so etwas wie einen „Lesezwang“. Wenn wir irgendwo Buchstaben sehen, fangen wir automatisch an zu lesen. Manfred Spitzer [6] erklärt das wie folgt:

„Lesen ist ein Spezialfall der visuellen Wahrnehmung. Es ist gelernt und kulturell geprägt, gleichzeitig jedoch so elementar, dass wir gar nicht anders können, als ein Wort zu lesen, wenn wir es betrachten. Anders gesagt: Wir können einfach nicht ein Wort betrachten und es nicht lesen!“

Ähnliche Konflikte entstehen, wenn Sie eine Textfolie auf die Leinwand werfen und der Vortragende diese nicht exakt vorliest, sondern etwas Ähnliches erzählt. Meistens gewinnt dann die Textfolie und der Kommentar des Vortragenden geht unter, ist also überflüssig und störend.
Wegen dieser Erkenntnisse verbietet sich z. B. der Einsatz von reinen Textfolien in Power­Point-Prä­sentationen, oder wollen Sie als Vortragender eine „Vorlesung“ halten? Statt dessen sollten die auf Folien zu vermittelnden Informationen immer als Bilder oder Grafiken dargestellt werden und vom Vortragenden erläutert werden. Ist das nicht möglich, wird besser auf diese Folie verzichtet und die Information nur mündlich vorgetragen.

Memorieren

Wenn alle Folien fertig sind, kommt die nächste Phase, das Einüben der Präsentation (altgr. memoria). In der Antike war es üblich, Reden frei zu halten und keine Notizen zu benutzen. (Das wünschte man sich bei manch heutigem Redner auch.) Bei einer PowerPoint-Präsentation liefern die projizierten Bilder und die Notizenansicht sowohl die Struktur als auch die Stich­worte für den Vortrag. Aller­dings ist es durchaus angebracht, die Präsentation einzuüben, auch um eine vorgegebene Zeit ein­halten zu können.

„Action“

Die letzte Herstellungsphase der Rhetorik heißt actio. Jetzt ist also „action“ angesagt. Wenn wir unseren Vortrag geübt haben und die Technik funktioniert, kann eigentlich nichts schief gehen. Lampenfieber ist total überflüssig, wir wissen doch, was wir wollen; wir sind überzeugt von unserem Thema und die vorgegebene Redezeit halten wir auch ein. Nur ein paar Tipps zur Sprache: Die ersten drei Sätze lesen wir ab, das beruhigt die Nerven, aber danach ist freie Rede angesagt. Sie benötigen kein Vortragsmanuskript, sondern nur Stichworte. Folgen Sie einem alten Leitsatz:

„Sprechen Sie so, als wollten Sie Ihrem Freund etwas erklären (Freundin geht vielleicht auch).“

Die Rhetorik ist eine empirische Wissenschaft. Ihre Regeln entstanden aus der Beob­ach­tung des menschlichen Verhaltens. Wenn es sich nicht gerade um ausgefeilte Reden han­delt, hat grundsätzlich jeder Mensch die Fähigkeit, eine Rede zu halten. Er wendet dabei ohne nachzu­den­ken, Regeln der Rhetorik an, ohne sie wirklich zu kennen.

Aber was machen wir mit unseren Händen? Wir verlassen uns auf unsere eigene Körpersprache. Und das beschreibt der Sprechtrainer Frank Gutjahr in einem Beitrag in der Tagespresse so:

Klein anfangen

Das war ein Schnelldurchgang, wie sich rhetorische Regeln auf PowerPoint-Päsentationen anwenden lassen und wir damit ein Vorgehensmodell für derartige Präsentationen erhalten. Präsentationen bieten die Chance, Bild und Sprache so zu kombinieren, dass einerseits das Publikum leichter überzeugt werden kann, anderseits die Erinnerung an die Präsentation – also an den Vortragenden, seine Folien und sein Thema ganz erheblich verbessert wird. Der Mensch denkt assoziativ. Erinnert man sich an ein Bild auf einer Folie, dann erinnert man sich auch an den Vortragenden, an die Geschichten, die er erzählt hat und an seine Ideen.

Wenn man aber seine Präsentation zu einem Ereignis machen möchte, das die Menschen im Publikum überzeugt und motiviert, dann bedeutet das einen enormen Aufwand an Zeit, Ressourcen und Kreativität. Also fangen Sie klein an. Beginnen Sie damit, die Einleitung, den Schluss und die Folien mit den wichtigsten Aussagen und Argumenten nach rhetorischen Grundsätzen zu realisieren. Und probieren Sie, ein Drehbuch zu verwenden. Schalten Sie in Ihrer Präsentation den Beamer einmal aus und erzählen Sie eine zum Thema passende Geschichte.

Fangen Sie einfach an und machen Sie den ersten Schritt zur Gestaltung überzeugender, mitreißender Präsentationen.

Literatur

[1]   Andreas Sentker, Die Kunst des Redens – Einfach überzeugen, DIE ZEIT Nr. 20, 04.05.2016
[2]   Rudolf Göldner, PowerPoint-Rhetorik – Bessere Folien und überzeugende Präsentationen,
        Bookmundo Direct

[3]   Garr Reynolds, ZEN oder die Kunst der Präsentation
[4]   Paul Watzlawik http:// www.paulwatzlawick.de/axiome.html
[5]   Jörn-Axel Meyer, Visualisierung im Management
[6]   Manfred Spitzer, Lernen - Gehirnforschung und die Schule des Lebens

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